6.07.2007

18. SOZIALERHEBUNG: INTERVIEW DSW-PRÄSIDENT

Das deutsche Hochschulsystem muss sich sozial öffnen!
Rolf Dobischat, Präsident des Deutschen Studentenwerks, schlägt Alarm.
Zum 18. Mal hat das Deutsche Studentenwerk (DSW) eine „Sozialerhebung zur wirtschaftlichen und sozialen Lage“ der zwei Millionen Studierenden in Deutschland vorgelegt.


Die neue Studie belegt: Die Bildungschancen sind in Deutschland ungleich verteilt; die soziale Herkunft entscheidet ganz maßgeblich über den Bildungsweg. 83 von 100 Akademiker-Kindern studieren, aber nur 23 von 100 Kindern aus Familien ohne akademische Tradition. DSW-Präsident Prof. Dr. Rolf Dobischat ist alamiert: „Das ist beschämend für eine Demokratie. Wir müssen endlich die soziale Selektivität des deutschen Bildungs- und Hochschulsystems überwinden.“ Deutschlands Hochschulen müssen sich sozial öffnen und die Studentenwerke stärker unterstützt werden, fordert Dobischat im Interview.


Herr Professor Dobischat, was ist das für Sie zentrale Ergebnis Ihrer 18. Sozialerhebung?

Rolf Dobischat: „Ganz klar: der bildungs- und sozialpolitische Skandal, dass es in Deutschland nicht allein eine Frage der individuellen Begabung ist, ob jemand studiert, sondern ganz maßgeblich eine Frage der sozialen Herkunft. Entscheidend ist der Hochschulabschluss der Eltern. Von 100 Akademikerkindern schaffen 83 den Sprung an die Hochschulen, von 100 Kindern aus Familien ohne akademische Tradition aber nur 23. Diese soziale Polarisierung von Bildungschancen ist beschämend für eine Demokratie und steht in krassem Gegensatz zum Verfassungsgebot der Chancengleichheit!“

Das heißt, die Chance, dass jemand studiert, hängt von seinem sozialen Background ab?

„So kann man es ausdrücken. Ein Beispiel: Die höchste Beteiligungsquote beim Hochschulzugang haben Kinder aus Beamtenfamilien, in denen mindestens ein Elternteil studiert hat. Die Chance dieser Kinder, dass sie ein Hochschulstudium aufnehmen, ist fünfeinhalb Mal so hoch wie die Chance von Kindern aus Arbeiterfamilien; sie haben die niedrigste Bildungsbeteiligungsquote. Dieser ungleichen Verteilung von Bildungschancen in unserer Gesellschaft müssen wir entgegenwirken. Wir müssen für mehr Chancengleichheit auf dem Weg zur Hochschulbildung sorgen – auch aus einem wirtschaftlichen Interesse heraus.

Sie hören oder lesen es ja fast täglich: Deutschland braucht mehr Akademikerinnen und Akademiker, Deutschland braucht mehr Hochqualifizierte im Interesse seiner Wirtschafts- und Innovationsfähigkeit. Die Bundesregierung will, dass 40% eines Jahrgangs studieren, und alle sprechen von der zukünftigen Wissensgesellschaft. Unsere 18. Sozialerhebung zeigt aber: Die Rekrutierungspotenziale aus den hochschulnahen Bildungsmilieus sind so gut wie ausgeschöpft. Die zusätzlichen Studierenden, die Deutschland so dringend braucht, müssen aus den hochschulfernen und einkommensschwächeren Schichten mobilisiert werden.“

Und wie schafft man das?

„Über eine soziale Öffnung der Hochschulen in Deutschland. Der gleichberechtigte Zugang zum Studium, unabhängig von der Bildungstradition und vom Einkommen der Eltern, muss oberstes Ziel sein der Bildungs- und Hochschulpolitik. Zur Wissensgesellschaft geht es nur durch weit geöffnete Hörsaaltüren!

Um mehr Studierende aus hochschulfernen und einkommensschwächeren Schichten für ein Studium zu begeistern, brauchen wir ein starkes BAföG. Ich sage als Präsident des Deutschen Studentenwerks: Eine gesicherte, verlässliche und ausreichende staatliche Studienfinanzierung ist der beste Weg, um ein Hochschulstudium für alle attraktiv zu machen.

Umso wichtiger ist es, dass das BAföG nun endlich erhöht wird. Es ist seit 2001 nicht mehr an die Preis- und Einkommensentwicklung angepasst worden. Wir fordern eine Anhebung der Freibeträge um 8,7% und der Bedarfssätze um 10,3%. Vergessen Sie nicht: Derzeit bezieht mehr als ein Viertel der zwei Millionen Studierenden BAföG, und 79% der BAföG-Geförderten geben an, ohne das BAföG nicht studieren zu können. Auch ich hätte ohne BAföG nicht studieren können.“

Also die Hochschulen sozial öffnen, das BAföG rauf...

„...und die soziale und wirtschaftliche Infrastruktur des Studiums stärken, das ist der dritte entscheidende Punkt. Die Länder müssen die Studentenwerke stärker unterstützen und ausreichend finanzieren. Denn die Studierenden und insbesondere die immer jüngeren Studienanfänger stellen angesichts der tief greifenden Hochschulreformen – Bachelor/Master, Studiengebühren, Ausdifferenzierung der Hochschulen – neue Anforderungen an die soziale und wirtschaftliche Infrastruktur, wie sie die 58 Studentenwerke in Deutschland bereit stellen. Beispiel Studienfinanzierung: Zu finanziellen Themen haben die Studierenden laut Sozialerhebung der höchsten Beratungs- und Informationsbedarf. Die Studentenwerke reagieren darauf und bieten an vielen Orten eine umfassende Studienfinanzierungsberatung.

Das deutsche Hochschulsystem ruht auf drei Säulen auf: Forschung, Lehre – und die soziale und wirtschaftliche Infrastruktur. In die Forschung fließen zusätzliche Mittel über die Exzellenzinitiative, mit dem Hochschulpakt werden Bund und Länder 90.000 zusätzliche Studienplätze finanzieren. Nun muss dringend auch in die soziale und wirtschaftliche Infrastruktur investiert werden, denn sie ist wichtig für den Studienerfolg, und nur mit einer gut ausgebauten Infrastruktur werden die vielen zusätzlichen Studierenden, die wir für die nächsten Jahre erwarten, auch wirklich studieren können. Denn was nützen zusätzliche Studienplätze, wenn den Studierenden das Dach über dem Kopf fehlt?“


Herr Professor Dobischat, vielen Dank für das Gespräch.


Hintergrund: 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks
Seit mehr als 55 Jahren zeichnen die Sozialerhebungen des Deutschen Studentenwerks ein genaues Bild der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Studierenden in Deutschland. HIS, Hochschul-Informations-System, führt die Untersuchung im Auftrag des Deutschen Studentenwerks alle drei Jahre durch. Rund 17.000 Studierende nahmen im Sommersemester 2006 an der jüngsten Befragung teil. Gefördert wird die Untersuchung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Die 18. Sozialerhebung bietet Informationen unter anderem zur Bildungsbeteiligung, zum sozialen Profil der Studierenden, zur Studienfinanzierung, zur Erwerbstätigkeit, zum BAföG, dem studentischen Zeitbudget, den Wohnformen sowie zum Beratungs- und Informationsbedarf. Ebenfalls gefragt wurde nach den gesundheitlichen Beeinträchtigungen von Studierenden; zur Situation von Studierenden mit Migrationshintergrund gibt es erstmals differenzierte Daten.

Kurzbericht der 18. Sozialerhebung (50 Seiten) als Download:
www.studentenwerke.de/pdf/Kurzfassung18SE.pdf

Hauptbericht der 18. Sozialerhebung (500 Seiten!) als Download:
www.studentenwerke.de/pdf/Hauptbericht18SE.pdf

Weitere Informationen im Internet:
http://www.studentenwerke.de/
http://www.sozialerhebung.de/
http://www.bmbf.de/
http://www.his.de/

 

 

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